Jährlich kann man am 1. Mai in Bern die kürzeste Demonstration des Landes besuchen. Nur die wenigsten tun das, zumal dem Tag kaum eine echte Bedeutung zukommt. Es müsste nicht so sein. Doch die Gewerkschaften sehn es nicht als ihre Aufgabe, für den Tag wirklich zu mobilisieren.
Etwa 700 Meter. Von der Berner Kramgasse vorbei an der Zytglogge über den Waisenhausplatz vors Bundeshaus. Vielleicht sind es auch 800 Meter. Jedenfalls sind sie schnell gelaufen, auch eine Menschenmenge braucht dafür nicht länger als 30 Minuten. Und das ist sie dann, die jährliche Route der offiziellen 1.-Mai-Demonstration. Ein Weg, der wirklich kaum einem zu lang sein dürfte. Und doch einer, den zumindest am Arbeiterkampftag nur die Wenigsten gehen.
Bern war nie das Zentrum der 1-Mai-Feierlichkeiten in der Schweiz. Die Ehre kommt Zürich zu. Zumal der 1. Mai in Bern kein Feiertag ist. Dennoch sollte die erschreckend geringe Teilnahme am Demonstrationszug den Gewerkschaften zu denken geben. Auch in diesem Jahr nehmen nur wenige Hundert Personen am Umzug teil. Und von denen gehört abermals nur ein kleiner Teil zur Arbeiterschaft, die die Gewerkschaften dort eigentlich gern sehen würde. Studenten, Pensionierte und Hauptamtliche der Verbände machen das Gros der Teilnehmer aus. Und: Es sind seit Jahren stets dieselben. Kann ja auch schön sein: Beziehungspflege und Freunde treffen am Arbeitertag.
Kaum Parolen, wenig Stimmung
Nur wirklich kämpferisch, das ist der Berner 1. Mai eben nicht. Der Versuch, Parolen zu initiieren, scheitert regelmässig. Das gehört zugegebenermassen auch nicht unbedingt zum traditionellen Repertoire der Gewerkschaftsmitglieder – Pfeifen, Tröten, Fahnen schon eher. Auch selbstgemachte Transparente oder Schilder sind eher die Ausnahme. Beides zeigt, dass die Eigenaktivität der Teilnehmer eher gering ist. Unangefochten liegt der Lead bei den Hauptamtlichen der Gewerkschaften. Ihre Slogans, ihre präparierten Botschaften. Ausgenommen davon: die junge FAU, die seit einigen Jahren mitgeht und deren Aktive eher noch auf sich Aufmerksam machen.
«Das ist ein Zitat»
Nun ist es an sich nicht schlimm, wenn die Demonstration von den Verbänden getragen wird. Die Arbeiterschaft hat eine lange Tradition darin, ihre Aktivität durch Organisationen zum Ausdruck zu bringen. Doch mindestens in Bern wird man den Verdacht nicht los, dass die Gewerkschaften selbst nicht so recht wissen, was sie mit dem 1. Mai anfangen sollen. Oder, schlimmer: Dass der 1. Mai für sie nur ein Tag ist, um Medienpräsenz herzustellen.
Wenn die Gewerkschaften nicht mobilisieren
Dafür spricht: Die Gewerkschaften geben sich keine Mobilisierungsquote für den 1. Mai. Wer unsere Verbände auch nur ein wenig kennt, der weiss, dass sich die Wichtigkeit einer Sache meist in ebendiesen Quoten ausdrückt. Beispiel Unia-Baudemonstration am 17. Mai des vergangenen Jahres: jede Region der Unia musste eine zentral vorgegebene Menge an Maurern zur Demonstration bringen (wie gut das geklappt hat sei einmal dahingestellt). Beispiel Frauenstreik 2019: Jede Region der Unia musste Aktivitäten planen und über deren Umsetzung an die Zentrale Bericht erstatten. Für den 1. Mai fehlen solche Vorgaben vollends – und nicht nur in der Unia.

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Dort, wo die Tradition des 1. Mai seit jeher schwach ist, führt dieser Mangel an Engagement dazu, den Tag zu einem Ritus verkommen zu lassen. Zumal die Gewerkschaften wissen, dass ihnen eine Berichterstattung (wenn auch in bescheidenem Umfang) ohnehin gewiss ist. Da ist es dann eher noch entscheidend, welche Politikerin wieder ins Mikrofon quatschen darf.
Die Arbeiter merken es ja auch. Wie wenig Energie in der Sache steckt, bleibt weder denen, die kommen, noch denen, die nicht da sind, verborgen. Und die Kollegen wissen recht gut, dass in Wirklichkeit um nichts geht. Ist der Berner 1. Mai klein, dann ist nichts verloren. Ist er gross, wird nichts gewonnen. Kampfformen aber, die keinerlei Aussicht auf Erfolg haben, wirken nun wirklich nicht anziehend.
Neue Bedeutung für den 1. Mai
Und das wäre die Frage: Wofür soll der 1. Mai gut sein? Welches höher liegende Ziel erfordert diesen Tag, um erreicht zu werden? Dass die Frage so seltsam wirkt, sogar auf uns, die wir sie hier aufschreiben, zeigt, wie weit wir (nicht nur in Bern …) von einem echten kämpferischen 1. Mai entfernt sind. Aber nur zur Erinnerung: Der 1. Mai ist entstanden als Teil der jahrelangen Bewegung für die Durchsetzung des 8-Stunden-Tags. Die kläglichen Tagesparolen, die den 1. Mai zum Lautsprecher für oder wider eine beliebige Initiative machen, sind dafür kein Ersatz. Ein echtes Ziel und ein Kampfplan, in dem der 1. Mai eine wirkliche Rolle spielt … das könnte sogar in Bern die Dinge wieder beleben.






